Gleich zu Wochenbeginn gab es einen Schockeffekt an den Börsen. Die US-Rohölsorte WTI plumpste unter 40 US$ und damit auf den niedrigsten Stand seit Ende des ersten Quartals. Prompt zeigten die Börsianer Nerven: der DAX verlor in 2 Tagen 350 Punkte, seine Volatilität sprang von 18,5 auf 22,5. Es handelte sich aber nur um einen Fehlalarm. In der zweiten Wochenhälfte setzten sich die Optimisten wieder durch. Der kräftige Rückgang der Benzinlagerbestände zog den Ölpreis wieder hoch, zudem wurde ein neues OPEC-Treffen avisiert, um die Produktionsquoten zu diskutieren. Aber es ist unübersehbar, wie wichtig der Ölpreis für die Stimmung der Anleger geworden ist. Ideal scheint ein Level von 45 bis 55 US-Dollar (WTI) zu sein, damit können Verbraucher und Industrie gut leben. Jenseits davon herrscht weiterhin Hochkonjunktur in der Berichtssaison.

Berichtssaison mit Überraschungen und Enttäuschungen

Es gab sehr positive Überraschungen, wie z.B. bei Siemens, aber auch herbe Enttäuschungen wie z.B. bei Novo Nordisk. Insgesamt sehen die Ergebnisse der Quartalssaison gut aus, was freilich auch auf zuvor sehr bescheiden angesetzten Schätzungen beruht: im S&P 500 haben bislang 77% der Firmen die Gewinnschätzungen übertroffen (Quelle Bloomberg). Besonders die US-Aktien sind in ihrer Gesamtheit betrachtet mittlerweile fast schon als teuer zu bezeichnen. Deshalb überrascht auf den ersten Blick das sich täglich weiter hinauf schraubende Rekordniveau und auch die enorme Gelassenheit der Anleger (die gemessene Nervosität/Volatilität des S&P nähert sich ihrem 5-Jahrestief). Dieser Widerspruch klärt sich aber schnell auf: teuer ist der S&P 500 insbesondere deshalb, weil die zahlreichen Komponenten mit direktem oder indirektem Bezug zu Energie mit großen Preisproblemen kämpften. Ein nachhaltiger Ölpreis von über 40 US-Dollar kann da perspektivisch schon sehr hilfreich sein. Am Freitag meldeten die USA erneut äußerst starke Beschäftigungszahlen. Es besteht Anlass zur Hoffnung, dass sich die US-Konjunktur und damit die Weltwirtschaft zum dritten Quartal wieder beschleunigen. Das macht Vorfreude auf höhere Gewinne. Genau das preisen die Märkte derzeit ein.

Globale Rotation begleitet den Aufschwung

Der DAX präsentiert sich weiterhin erfreulich robust, benötigt aber diese Woche einen Schlusskurs von mindestens 10.450, um sich aus seinem Abwärtstrend zu befreien. Die DAX-Unternehmen haben in der Berichtssaison überzeugt, die Bewertung ist historisch akzeptabel und im relativen Vergleich günstig. Insgesamt betrachtet gibt es aber einen gewichtigen Wermutstropfen: der seit einigen Wochen zu beobachtende Aufschwung ist begleitet von einer globalen Rotation: stark gelaufene defensive Branchen und Einzelwerte verlieren leicht an Wert, während bislang vernachlässigte zyklische Branchen und Unternehmen durchstarten. Das zeigt zum einen eine gewisse Zuversicht. Aber es belegt vor allem, dass wohl fast nur institutionelle Großanleger aktiv sind, die Positionen in ihren Portfolios austauschen. Anscheinend fließt kaum frisches „Quellwasser“ den Börsen zu. Das lässt sich auch daraus belegen, dass das Verhältnis der Gewinner zu den Verlierern bei Weitem nicht überragend ist. Solange in einem steigenden Index 30-40% der Komponenten verlieren, fehlt mir der letzte Funken Überzeugung, um mit Bestimmtheit sagen zu können, dass der Aufschwung auf breiten Füßen steht und deshalb nachhaltig ist.

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